Ein neuer Mensch? Spiritualität im Spiegel der Zeit
Der spirituelle Weg des Menschen ist universell, das heißt, in gewissem Sinn in allen Zeiten der gleiche. Zugleich aber hat er zu verschiedenen Zeiten und an verschiedenen Orten unterschiedliche Schwerpunkte.
Die Zeitläufte spiegeln Aspekte, ja Notwendigkeiten dieses Weges wider. Krisenzustände und Wendepunkte, denen wir uns im äußeren gegenübersehen, weisen auf das hin, was zuerst im Menschen geschehen muss, damit Krisen gelöst und Wendepunkte durchschritten werden können.
Das Buch „Ein neuer Mensch? Gedanken zum Menschwerden im 21. Jahrhundert“ geht Fragen nach, die die Zeit uns stellt und die auf den Weg des Menschen weisen. Es versammelt zehn Essays, die auf je eigene Weise diesen Fragen nachgehen.
Auszüge aus zwei Essays können Sie hier lesen:
INNENWELTEN, AUSSENWELTEN – EINHEIT ODER ZWEIHEIT? von Andreas Götzinger
„Haben Erfüllung durch Transzendenz und Weltabwendung – und Erfüllung durch Konzentration und Arbeit im Konkreten, dem „gewöhnlich“ Erfahrbaren (das von der Spirituellen Welt oft als „niedrig“ eingestuft wird) einen gemeinsamen Ursprung jenseits dieser scheinbar offensichtlichen Dualität? Sind sie zusammengehörig, als gegensätzlich zu Tage tretende Dynamiken einer tieferen Einheit? Vieles deutet darauf hin und fordert Auseinandersetzung und Begegnung.“
Was ist das Neue? Wie können wir das Gewohnte überschreiten und sein automatisches Wirken in uns überwinden, damit Raum für etwas wirklich Neues geschaffen wird?
„Ist das Neue also etwas, das sich der Mensch selbst setzt, ersinnt und dann durch sein Streben zu diesem wird? Vielleicht in einem: „fake it until you make it“?
[...] ist das Neue schon längst da, will nur gefunden werden – ist also eigentlich ein sehr Altes – und wird sich, wenn es im Bewusstsein gehalten, mit Bewusstsein genährt wird, aus sich selbst „entwickeln“, im direkten Sinn des Wortes? Oder ist es eine Kombination von Streben und dieser Entfaltung aus einer schon vorhandenen Quelle, also beides?
Und auch eine vierte Möglichkeit muss ganz realistisch erwogen werden: dass die Realität des Neuen noch ganz anders ist und noch nie gedacht wurde.“
„Zum Beispiel kann ja immer wieder erlebt werden, welche Art von sprühender Lebendigkeit aus einer Intention, einem Entwicklungsimpuls frei wird, wenn man ihn verwirklicht.
Es kann auch sein, als scheinbarer Gegensatz, dass auf einer anderen Ebene jegliches Ziel schal wird – und das Hinterherjagen nach einem einmal erlebten oder idealisierten Zustand wie ein Haschen nach Wind erscheint.
Solche sich widersprechende Ebenen können sogar gleichzeitig im gegenwärtigen Gewahrsein erscheinen. Und dies sind nur zwei der vielen gegenläufigen Impulse, die gleichzeitig in verschiedenen Schichten der Seele anwesend sein können – die nicht nur kognitiv, sondern als Dynamiken wirken.“
„Man kann Flow nicht erzeugen, er entsteht – wie der Geist, der weht, wo er will. Was aber getan werden kann, ist die Vorbereitung – wie ein Bearbeiten, ein Pflügen des Grundes, auf dem vielleicht einmal etwas wächst.
Spirituelle Traditionen haben sehr oft auf diese Hochleistungsbereiche herabgesehen, als weltlich, ungeistig in der einen oder anderen Form. Und ja, oft hat ein Erfolg auch das Resultat von Egozentrik, Selbstwichtigkeit, und Narzissmus im Schlepptau.
Aber hier soll nur gesagt werden, dass jedes Streben an die Grenze führt, an der das Erreichen-Wollen an sich transzendiert werden muss – dass die Bewegung hin zur Transzendenz immanent im Menschen angelegt ist, auch wenn er sich dessen nicht bewusst ist.“
DER WEG DES MENSCHEN: VON DER BIOSPHÄRE ZUR SOZIOSPHÄRE von Roger Kalbermatten
„Die nächsthöhere Ebene [die unser Leben bestimmt] ist die Soziosphäre, beziehungsweise jene der sozialen Organisationen. Diese Ebene steht erst am Beginn ihrer Entwicklung und Integration. Was heute unter dem Begriff Soziosphäre verstanden wird, ist nur ein schaler Abglanz dessen, was in der Evolution angelegt ist und wohin die nächste Entwicklungsstufe strebt: In eine höhere Dimension, außerhalb von Raum und Zeit, eine Stufe, die sich bereits da und dort abzuzeichnen beginnt.“
„Der Ausweg aus der eingangs erwähnten Krise ist nur durch ein Bewusstsein möglich, das sich von der perspektivischen und dadurch egozentrischen und fragmentierenden Wahrnehmung, die immer von seinem persönlichen Standpunkt ausgeht, zur Wahrnehmung der Lebensprozesse und der Soziosphäre erheben kann. In den Lebensprozessen und den sozialen Netzwerken, die diesen Namen verdienen, gibt es keine Perspektive mehr, es gibt keinen Standpunkt, es gibt keine fragmentarischen Interessen, denn es geht auf beiden Ebenen immer nur um das Ganze. Es geht um das Leben an sich und nicht um das Leben in einer einzelnen Zelle, und es geht um die Menschheit an sich und nicht um einen einzelnen Menschen.“
„Die Hauptbotschaft aller wesentlichen spirituellen Impulse liegt in der Schaffung eines neuen Soziallebens, das analog zum Stoffwechsel funktioniert – einem Stoffwechsel, in dem die einzelnen Teilnehmer, die einzelnen Menschen nicht mehr ihr Eigeninteresse oder ihre eigene Agenda in den Mittelpunkt stellen, sondern das Wohl des Ganzen.“
"Streiflichter" - Band 1: Ein neuer Mensch? – Rosenkreuz Verlag